Warum Almaty und nicht Alma-Ata?

Seit 1993 heißt Kasachstans Wirtschaftsmetropole und ehemalige Hauptstadt Almaty. Doch selbst viele Einheimische verwenden bis heute den alten, sowjetischen Namen: Alma-Ata. Warum das falsch sei, erklärt Alexandra Akanaeva in einem Beitrag für The Village. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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In den letzten Jahren hat die Bevölkerung Kasachstans der Entkolonialisierung in all ihren Aspekten immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Das wachsende Selbstbewusstsein äußert sich unter anderem in dem Wunsch, die Landessprache zu sprechen und kasachische Ortsnamen anstelle von russifizierten und sowjetischen zu verwenden. Viele russische Medien, aber auch Einwohner:innen der Stadt nennen Almaty jedoch unermüdlich weiterhin „Alma-Ata“. Wir erzählen, warum der alte Name falsch und ein Produkt des Kolonialismus ist.

Etymologie und Semantik
Der Name „Almaty“ ist eine Abwandlung von „Almaly“, was aus dem Kasachischen als „Apfel“ übersetzt wird. Die Stadt wurde nach dem Gebiet benannt, auf dem sie sich befindet: Früher befanden sich dort riesige Flächen mit Apfelgärten. Dieser Name wurde in vorrevolutionären Zeiten in der russischen Literatur verwendet.

„Alma-Ata“ ist hingegen eine Kombination aus den kasachischen Wörtern „Apfel“ und „Großvater“. Sie entspricht aber nicht den Regeln der kasachischen Sprache und ergibt auch keinen Sinn. Einige Leute argumentieren, dass die Verwendung des Namens „Alma-Ata“ angeblich eine Transliteration des kasachischen „Almaty“ sei, und führen als Beispiele die kasachische Bezeichnung „Máskeý“ für Moskau an. Doch der Vergleich hinkt: „Alma-Ata“ ist eine bedeutungslose Kombination aus zwei kasachischen, nicht russischen Wörtern.

Sowjetisches Analogon
Der Name „Alma-Ata“ tauchte erstmals 1921 auf. Der Leiter der Abteilung für die Entwicklung von Sprachen, Archive und Dokumentation der Stadt Almaty, M. Ahmetov, erklärte dazu 2013 gegenüber Forbes.kz: „Am 5. Februar 1921 wurde die Stadt Wernyj [Die „Treue“, vorheriger Name Almatys, Anm. d. Ü.] in Alma-Ata umbenannt – nach dem Namen des Gebiets, auf dem sie basiert.“ Der historische Name des Gebiets – „Almaty“ – wurde dabei in „Alma-Ata“ umgewandelt. Die Umbenennung der Stadt wurde von Oraz Jandosov und durch den Beschluss des Zentralexekutivkomitees der Turkestanischen ASSR vom 3. März 1921 genehmigt.

Der Name „Alma-Ata“ ist ein Relikt der UdSSR. Ihn heute zu verwenden, ist ähnlich unangemessen, wie der Name „Wernyj“. Oder beispielsweise „Leningrad“ anstelle von „St. Petersburg“.

Die Verfassung von 1993
1991 wurde Kasachstan ein unabhängiger Staat. Die Stadt Alma-Ata wurde gemäß der Verfassung der Republik Kasachstan vom 28. Februar 1993 offiziell in Almaty umbenannt.

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Von daher gibt es heute keinen Grund, die Stadt beim alten Namen zu nennen: Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, und das Festhalten am alten Namen bedeutet, Kasachstan weiterhin mit der UdSSR und Russland zu assoziieren. In Kasachstan gibt es einen Teil der Bevölkerung, der an das sowjetische „Alma-Ata“ gewöhnt ist, und wahrscheinlich wird nicht über die Bedeutung nachgedacht, die der Verwendung des alten Namens inneliegt.

Wie man in Russland sagt…
Viele russischsprachige Journalist:innen in Kasachstan verwenden den Namen „Alma-Ata“ und beziehen sich auf die Entscheidung der Russischen Akademie der Wissenschaften und auf den Verwaltungsbefehl des russischen Präsidenten Nr. 1495 vom 17. August 1995, laut dem empfohlen wird, auf Russisch den Namen „Alma-Ata“ zu verwenden.

Die meisten russischen Medien sowie viele Blogger:innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verwenden den alten Namen. Zum Beispiel sagte Ilja Warlamow in seinen YouTube-Videos wiederholt „Alma-Ata“ und veröffentlichte auch ein Material mit dem Titel Alma-Ata: Komm nicht, du wirst sterben.

Maria Rowinskaja, Mitglied der Rechtschreibkommission der Russischen Akademie der Wissenschaften, gab eine herablassende Antwort auf die Frage, warum die Stadt den alten Namen tragen sollte: „Hier entsteht wahrscheinlich ein Dilemma. Einerseits haben wir die Namen dieser Toponyme in Wörterbüchern und kartographischen Quellen erfasst. Andererseits gibt es einen Impuls, ein Verlangen, unseren Freunden aus anderen Ländern entgegenzukommen, die die Namen ihrer Toponyme so sehen wollen, wie sie es gewohnt sind. […] Die Harmonie liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte, aber ich bin nicht sehr geneigt, die in der russischen Sprache angenommene Norm zu erschüttern.“

Im Allgemeinen argumentieren viele russische Medien und Bürger:innen, die den sowjetischen Namen verwenden, dass er aus Sicht russischen Grammatik korrekt sei, was wir oben widerlegt haben.

Aleksandra Akanaeva für The Village

Aus dem Russischen von Robin Roth

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