Nasym Duisenowa: „Die deutsche Sprache bereichert die kulturelle Identität“

Die deutsche Sprache in Zentralasien wird neben den Selbstorganisationen der deutschen Minderheiten auch von den jeweiligen Deutschlehrerverbänden aktiv gelehrt und gelernt. Wie es um den Status der Sprache in Zentralasien steht, darüber haben wir mit den Präsidenten der Deutschlehrerverbände gesprochen. Für Teil 1 unserer Serie „Deutsch in Zentralasien“ bleiben wir zunächst in Kasachstan.

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Liebe Frau Duisenowa, erzählen Sie bitte etwas über sich. Wie kamen Sie zur deutschen Sprache und zu Ihrer Position als Präsidentin des Deutschlehrerverbandes Kasachstans?

Ich habe Deutsch am Pädagogischen Institut für Fremdsprachen in Almaty studiert. Seit meinem Abschluss arbeite ich als Deutschlehrerin. Auf der 16. Deutschlehrertagung in Almaty in der Mitgliederversammlung des Deutschlehrerverbandes wurde ich zur Präsidentin des Verbands gewählt. Die Leitungsposition im DLV ist ein ehrenamtlicher Dienst.

Wie würden sie den aktuellen Status der deutschen Sprache in Ihrem Land beschreiben?
Das ist eine schwere Frage. Seit der Einführung der Dreisprachigkeit ist das Bildungssystem mit einigen Problemen konfrontiert. Das Hauptproblem dabei war das Angebot an Fremdsprachen. Anfangs gab es keine Wahl, sodass nur Kasachisch, Russisch und Englisch gelehrt wurden. Aber durch den Einsatz der Sprachverbände ist es gelungen, die Situation zu ändern: Im Bildungsgesetz heißt es statt „Englische Sprache“ nun „Fremdsprache“. Das heißt, dass neben dem Englischen auch andere Fremdsprachen zur Auswahl stehen. Deutsch steht heute an der ersten Position unter den zweiten Fremdsprachen.

Wie viele Schulen und Universitäten gibt es in Kasachstan, an denen Deutsch unterrichtet wird?
Deutsch wird an Universitäten als Fremdsprache studienbegleitend und als zweite Fremdsprache angeboten. Deutsch als „erstes Fach“ wurde zurzeit nur an zwei Universitäten seiner Position bewahrt; an der Eurasischen Universität namens Gumiljew in Astana und an der Universität Kokschetau. An anderen Universitäten, an denen Fremdsprachenlehrer ausgebildet werden, hat Deutsch als zweite Fremdsprache die Position 1. Da ist die Auswahl groß. Große Konkurrenz zur deutschen Sprache in Kasachstan bilden aktuell Türkisch, Koreanisch, Französisch, Arabisch und Italienisch.

Im Lande ist die Zahl der Schulen mit Deutsch als erste Fremdsprache eher gering. Vor allem sind das die DSD-Schulen und die PASCH-Schulen. Deutsch als zweite Fremdsprache wird auch in allen Intellektuellen Nasarbajew-Schulen und Gymnasien des Landes angeboten, leider aber nur fakultativ.

Kennen Sie die aktuellen Zahlen der Deutschlernenden in Kasachstan?
Nach unseren letzten Erhebungen sind das im aktuellen Schuljahr 2022/23 etwa 11.965 Deutschlernende, darunter sind 840 Schülerinnen und Schüler an 20 Schulen, die Deutsch als erste Fremdsprache lernen, und 9.125 Schülerinnen und Schüler an 37 Schulen mit Deutsch als zweite Fremdsprache.

Wie viele Mitglieder zählt der Deutschlehrerverband Kasachstan aktuell und wie sieht seine Tätigkeit im Allgemeinen aus?
Offiziell sind wir 80 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer im ganzen Land. Wir unterstützen unsere Kollegen bei ihrer pädagogischen Tätigkeit. Der DLV informiert beispielsweise über alle anstehenden Veranstaltungen auf seiner Facebook-Seite und teilt die Nachrichten über die Veranstaltungen, die vor Ort durchgeführt werden.

Welche Unterstützung erhalten Sie dabei von Ihrer sowie von der deutschen Regierung?
Die Mittlerorganisationen wie das Goethe-Institut und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sind unsere Großpartner. Das Goethe-Institut beispielsweise kümmert sich größtenteils um die Fortbildungen der Deutschlehrenden, organisiert allmögliche methodische Seminare auch in der Zusammenarbeit mit Verlagen, Autoren, Multiplikatoren. Zusätzlich werden dort Sprachkurse verschiedener Niveaus sowohl für die Deutschlehrenden, als auch für alle Interessierten angeboten. Der Deutschlehrerverband Kasachstans unterstützt auch die Interessierten bei der Teilnahme an der Internationalen Deutschlehrertagung (IDT).

Sind die benötigten Ressourcen für einen erfolgreichen Deutschunterricht (Lehrpersonal, Schulbücher) ausreichend gegeben?
Als störende Faktoren für einen erfolgreichen Deutschunterricht kann man die Sprachkompetenzen der Fachlehrkräfte, die mangelnden Sprachkompetenzen der Lernenden und die Qualität der Lehr- und Lernmaterialien nennen. Die Sprachkompetenzen der Fachlehrkräfte sind darauf zurückzuführen, dass diese Deutsch nur als zweite Fremdsprache erlernt haben. Die Ursachen dafür sehe ich in der mangelnden komplexen Zusammenarbeit der zuständigen Behörden.

Das ist ein klassisches Problem von Angebot und Nachfrage. Bisher mangelt es nicht so stark an Deutschlehrenden, weil auch die Nachfrage nach dem Unterricht nicht so hoch war. Mit der neuen Sprachenpolitik im Bildungsbereich und der freien Wahl der Fremdsprache vermuten wir, dass die Nachfrage wachsen wird. Infolgedessen werden die Fachkräfte, die an den zwei bereits genannten Universitäten ausgebildet werden, für das ganze Land nicht reichen. Denn die praktizierenden Deutschlehrer sind schon im höheren Alter, oder die meisten haben Umschulungen gemacht und ihr Berufsfeld geändert. Daher sind 20 bis 30 neue Lehrkräfte im Jahr zu wenig.

Auch die Lehrbücher aus dem deutschsprachigen Raum passen nicht immer thematisch und inhaltlich in unser Curriculum. Dafür arbeiten aktuell einige Autorenkollektive mit bestimmten örtlichen Verlagen zusammen. Bisher haben wir Deutsch-Lehrbücher mit kasachstanischem Bezug für die 1. bis 8. Klassen. Ich bin der Meinung, es müsse konkurrenzfähige Lehrbücher geben, damit die Deutschlehrer an den Schulen die Auswahl haben, mit welchem Lehrmaterial sie ihren Schülern die deutsche Sprache näherbringen
wollen.

Worin sehen Sie die Chancen, wenn die Menschen in Ihrem Land Deutsch können?
Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus. Deutsch bereichert die kulturelle Identität und erhöht die Mobilität. Zusätzlich öffnen sich für Deutschkenner die Türen der Möglichkeiten des kostenlosen Studiums an deutschen Universitäten, die Möglichkeit der Forschung und der Aufnahme einer Arbeit in Deutschland an. Die deutsche Sprache ist Zugang zu deutscher Literatur und Kultur.

Was muss, Ihrer Meinung nach, getan werden, damit Deutsch als Fremdsprache in Kasachstan ähnlich beliebt wird wie die Englische?
Meiner Meinung nach muss viel mehr für die Popularisierung des Deutschen unter den Schülern, Eltern und Schulleitungen getan werden. Besonders ist unter den Bildungsbehörden mehr Klärungsarbeit benötigt, damit man sich nicht nur auf eine Sprache beschränkt, sondern auch weitere Fremdsprachen anerkennt und erlernt. Dafür müssen sich direkt vor Ort unsere Kollegen aktiv engagieren und Werbung für die deutsche Sprache machen, dann können wir gemeinsam erfolgreich dessen Status in Kasachstan stark anheben.

Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Annabel Rosin.

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