Kasachstan: Deutschland kommt zu spät

Im dritten Teil des Reiseberichts kommentiert Ramon Schack den Besuch des Bundespräsidenten in Kasachstan, basierend auf seinen Erfahrungen vor Ort.

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Interview mit Nouriel Roubini
Mir gelang es, ein Interview mit dem weltbekannten Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini zu führen, der auch als Dr. Doom bekannt ist, da er als einziger Volkswirt von Weltniveau die Finanzkrise von 2008 vorausgesagt hatte.

Roubini, der als Sohn iranischer Juden in Istanbul zur Welt kam, größtenteils in Italien aufwuchs und heute in New York City lebt und lehrt, spricht nicht zuletzt deshalb neben Englisch auch noch Persisch, Hebräisch und Italienisch und bezeichnet sich als „globalen Nomaden“. Er war stets in der Rolle des Außenseiters, was vielleicht dazu beigetragen hat, dass er sich bis heute nicht um Mehrheitsmeinungen kümmert. Roubini war aus den USA nach Kasachstan gereist, um an dem Astana International Forum zu partizipieren.

Nach der Präsentation des Buches “The New Kazakhstan“, zu dem Roubini die Einleitung schrieb, beantwortet mir der Volkswirt einige Fragen, wie folgende:

„Wie sollte sich Kasachstan denn Ihrer Meinung nach positionieren?

Die vier großen Mächte kämpfen um Einfluss in Zentralasien: die USA, die EU, Russland und China. Oder, um es mit den Worten des geopolitischen Denkers John Spykman auszudrücken, der schon in den 1940er Jahren vorausgesagt hat: „Wer Eurasien beherrscht, der wird die Welt beherrschen!“.

Zu Ihrer Frage, Kasachstan hat eine über 7000 Kilometer lange Grenze zu Russland, eine über 2000 Kilometer lange zu China, dadurch besteht natürlich ein Einfluss beider Mächte. Kasachstan und Zentralasien sollten sich darum bemühen, sich nicht einseitig einer dieser Mächte zuzuwenden, sondern ein eigenes geopolitisches Kraftzentrum zu etablieren.

Die deutsche Außenministerin Baerbock, sagte bei Ihrem Besuch in Zentralasien, Ende des vergangenen Jahres: „Mir ist wichtig, dass die Zukunft für sie nicht nur die Wahl zwischen der engen Zwangsjacke im Vorhof von Russland und der Abhängigkeit von China bereithält.“

Falls Frau Baerbock damit meinte, Zentralasien sollte sich stärker an die EU anlehnen, so ist das für Kasachstan nicht ohne Risiken, denn die EU hängt von der militärischen Macht der USA ab und besitzt darüber hinaus keine eigene strategische Autonomie.

Außerdem, wie auch die USA, steigen im Westen die politischen Spannungen und sinkt die ökonomische Potenz, nicht zuletzt durch die alternden Bevölkerungen dort. Nein, Kasachstan sollte mit seinem Prozess fortfahren, eine eigenständige geopolitische Mittelmacht zu werden, damit wäre der Region und der Welt am besten gedient“

Nouriel Roubini in Astana, Juni 2023, Foto: Ramon Schack

Ich verlasse den Tagungsort vor dem offiziellen Ende des Forums.

In einem Supermarkt treffe ich ein junges Pärchen aus Nowosibirsk. Die beiden sympathischen Akademiker leben seit Monaten aus dem Koffer, reisen zwischen dem Südkaukasus und Zentralasien hin und her.

„In Kasachstan ist der Lebensstandard höher als in Georgien. Da ich an einer chronischen Augenkrankheit leide, sind wir hier besser aufgehoben!“, erwähnt der junge Informatiker, der mit seiner Freundin Russland aus Protest gegen den Krieg in der Ukraine verlassen hat.

„Glauben Sie mir, wie mir das weh tut, dass im Westen jetzt so ein Russenhass herrscht?“ fragt die junge Frau, die einst an der Sorbonne in Paris Französisch studiert hatte. „Aber, wenn der Westen uns verstößt, orientieren wir uns in Richtung Asien. Wir fühlen uns sehr wohl hier, die Kasachen sind sehr gastfreundlich.“ Das junge Paar bittet mich später per Mail, ihre Namen nicht zu erwähnen und auch das Foto nicht zu veröffentlichen.

Es ist früher Abend, die Temperaturen sind gesunken, ein frischer Wind weht aus der kasachischen Steppe in die Stadt. In den Grünanlagen haben sich zahlreiche Familien und junge Leute niedergelassen und genießen ein Picknick. Sicherlich, hierbei handelt es sich um einen subjektiven Eindruck, aber die Menschen wirken entspannter und zuversichtlicher als in vielen Ländern des Westens.

Fotos: Ramon Schack

Gewachsenes Selbstvertrauen – „Wer Eurasien beherrscht, der wird die Welt beherrschen!“
Bundespräsident Steinmeier muss also damit rechnen, dass er in Kasachstan auf ein gewachsenes Selbstbewusstsein trifft, wie auch andernorts außerhalb der westlichen Welt. Der brasilianische Präsident Lula beispielsweise hatte kürzlich keine Zeit, Außenministerin Baerbock zu empfangen, hat aber stattdessen Ursula von der Leyen mit der Aussage konfrontiert: „Wir brauchen mehr Diplomatie und weniger Militärinterventionen!“

Steinmeier weiß, dass unzählige Investoren aus dem Westen und der Bundesrepublik Schlange stehen, um Zugang zu den unermesslichen kasachischen Rohstoffen zu erhalten. Er sollte aber auch wissen, dass dies nicht nur für westliche Investoren gilt und dass er ein Land mit abnehmender geopolitischer Bedeutung vertritt; zumindest in seiner aktuellen Ausrichtung.

Am Vorabend des Besuchs des Bundespräsidenten wird in der deutschen Presse Kasachstan nur im Zusammenhang mit importierten Waschmaschinen erwähnt.

„Was heißt das konkret für mich!?“
Inzwischen hat der Bundespräsident seinen Besuch in Kasachstan absolviert. Die Visite, wie auch die deutsche Berichterstattung, bleibt überwiegend nichtssagend. Zunehmend kommt der Eindruck auf, dem Westen entgleitet die Deutung der Welt.

„Wer Zentralasien beherrscht, der wird die Welt beherrschen“, dieses Zitat bleibt von beklemmender Aktualität. Wir sollten uns darauf einstellen, dass Deutschland dies zu spät erkannt haben mag und sich die hiesigen Lebensumstände langfristig der abnehmenden geopolitischen Bedeutung des Landes anpassen. Vielleicht hilft auch noch eine Neuausrichtung.

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