Mambet – das zentralasiatische N-Wort: Woher es kommt und was es bedeutet

ENTSCHLÜSSELUNG. Die Geschichte des Wortes „Mambet“ erzählt unter anderem von den Entwicklungen in Zentralasien seit der russischen Kolonisierung. Zu Sowjetzeiten bekam das Wort seine abwertende Bedeutung und wurde zu einer rassistischen Beschimpfung. Was verrät uns dieses Wort über die Geschichte Zentralasiens und die dort anhaltenden Spannungen zwischen Russen und Zentralasiaten? Wir nehmen diesen linguistischen Sprengkörper genauer unter die Lupe.

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„Mambet-Revolution“ lautet die Schlagzeile in einem Artikel der Chefredakteure des liberalen russischen Mediums MediaZona. Am 3. November 2022 gaben die Journalisten Nikita Danilin und Madina Kuanova der zentralasiatischen Abteilung von MediaZona über Twitter ihre Entlassung bekannt. In dem Tweet erwähnten sie auch die wiederholte Nutzung des Wortes „Mambet“ seitens ihres Chefredakteurs Piotr Bologov. Er hat damit die Kasachen beschimpft, die im Januar 2022 an den Protesten teilgenommen hatten.

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Auf die Publikmachung folgten in den sozialen Netzwerken eine Menge Reaktionen. Zurecht: Laut dem zentralasiatischen Medium MasaMedia gelte der Begriff „Mambet“ nicht nur in Kasachstan sondern ganz Zentralasien als eine schwere Beleidigung und sei mit dem N-Wort vergleichbar. Er bezeichnet wahlweise „Menschen, die vom Land kommen, auf die Straße spucken oder konservative Meinungen vertreten“.

Sergej Smirmov, Chefredakteur von MediaZona, hat die Entlassung des entsprechenden Redakteurs angekündigt. Anlässlich dieses Vorfalls gehen wir der Bedeutung des Wortes „Mambet“ in Zentralasien einmal auf den Grund.

Von der Etymologie zur Beleidigung
Ursprünglich war der Begriff nicht negativ konnotiert. Im 19. und 20. Jahrhundert handelte es sich gar um einen geläufigen Vornamen im zentralasiatischen Raum. Er leitete sich ab aus dem Begründer des Islams, Mohammed.

„Über die Jahre verlor der Name seine religiöse Bedeutung und bildete sich zu einem neutralen Namen im kasachischen Sprachraum“, liest man in einer universitären Arbeit von Adil Soz. Laut MasaMedia erhielt „Mambet“ seine abschätzige Konnotation in der Sowjetunion der 60er Jahre. Damals bediente man sich ihm, um jene Dorfbewohner Zentralasiens zu bezeichnen, die Russisch nicht beherrschten, was als Zeichen für mangelnde Bildung galt. Der Begriff steht in einer Reihe mit ähnlichen Beleidigungen wie „Mambitsch“ und „Kolchosnik“.

Es haben sich noch viele weitere Beschimpfungen für Zentralasiaten herausgebildet. In einem Interview mit Radio Azattyq, dem kasachstanischen Dienst von Radio Free Europe, hat Guldarhan Smagulova, Professorin für Philologie, die Beschimpfung „Kalbit“ als weiteres Beispiel herangezogen. Es bedeutet „Hund“ und leitet sich vom arabischen Wortstamm „Kalb“ ab.

Eine gängige Beleidigung in Zentralasien
In weiteren Ländern Zentralasiens sind ähnliche sprachliche Entwicklungen zu beobachten. Die Beleidigung „Mambet“ zielt dabei laut Smagulova nicht nur auf Kasachen, sondern auch auf weitere muslimische Völker ab.

In Jakutien hat „Mambet“ die gleiche Bedeutung wie in Kasachstan. In Usbekistan nutzt man eher „Haryr“, in Kirgistan „Myrki“ um die Bewohner der ländlichen Regionen zu beleidigen.

Die Beleidigung altert nicht
Der Begriff „Mambet“ hat es zurück in den öffentlichen Raum geschafft. Die Gegner der Januar-Demonstrationen erniedrigen auf diese Weise die Demonstranten. Der russische Soziologe Piotr Milotserdow erklärte in einem Interview mit Gazeta.ru, dass „die Jugendlichen aus den Dörfern die treibende Kraft der Proteste waren. Der Begriff „Mambet“ bezeichnet eine Person aus dem Hinterland, die mit dem Stadtleben nicht vertraut ist und eine schlechte Allgemeinbildung hat.“

Sinngemäß könnte man sich den Begriff mit „Hinterwäldler“ oder „Dorftrottel“ übersetzen. Allerdings wird die Beleidigung hauptsächlich von der russischsprachigen Bevölkerung in Kasachstan genutzt. Darum ist es wichtig, sich den rassistischen Unterton vor Augen zu führen.

Russen bedienen sich der Beleidigung allem Anschein nach regelmäßig. Das russische Außenministerium veröffentlichte 2017 ein Dokument, das „Benimmregeln für russische Touristen im Ausland“ enthielt. Darin fand sich auch die Bitte, Wörter „mit verletzendem Charakter“ zu unterlassen. In einer Liste wurden konkret Begriffe wie „Topas“, „Akumak“ (Idiot, Schwachkopf) und „Myrk“ genannt.

Anzeichen für zukünftige Spannungen
Juristisch gesehen fallen die Begriffe „Kalbit“ und „Mambet“ noch nicht in die Kategorie Beleidigung. Die Verwendung dieser Wörter kann dementsprechend rechtlich noch nicht geahndet werden.

Russlands Teilmobilmachung am 21. September zog eine starke Migrationswelle von Russland in die zentralasiatischen Nachbarstaaten nach sich. Kasachstan führt die Liste der Aufnahmeländer mit mehr als 200.000 registrierten Flüchtlingen an, gefolgt von Kirgistan und Usbekistan, so Radio Azattyq. Laut dem Central Asian Bureau for Analytic Reporting (CABAR) drohe angesichts der so zahlreichen Ankunft der Russen eine erhöhte Anspannung des inter-ethnischen Geflechts Zentralasiens. Grund dafür sei die Kolonialvergangenheit und das Leid, das die Russen diesen Ländern zugefügt hatten.

In Kasachstan jedenfalls scheinen die Spannungen zwischen Russen und Zentralasiaten schon in vollem Gange zu sein. Am 24. November brach eine Demonstration in der Fabrik „Kasphosphat“ in Taraz aus, nachdem einer der kasachischen Angestellten von seinem russischen Vorgesetzten als „Schaf“ beschimpft wurde. Radio Azattyq berichtet über heftige Auseinandersetzungen. Ein paar hundert Kasachen hatten sich vor der Fabrik versammelt und eine Entschuldigung vom Chef gefordert.

Emma Collet, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Arthur Siavash Klischat

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