Wie sich Russlands Beziehung zu Zentralasien im Jahre 2022 entwickelt hat

ENTSCHLÜSSELUNG. Das Jahr 2022 markiert einen Umbruch in der Beziehung zwischen den zentralasiatischen Ländern und Russland. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine verliert Moskau in Zentralasien an Anziehungskraft. Die Treffen mit Putin fahren die Staatsoberhäupter auf ein Minimum herunter. Lässt sich hier bereits von eine Entfernung Russlands zu seinen nächsten Nachbarn konstatieren?

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[legend] kremlin.ru

Als sich am 26. Dezember die GUS-Staaten zum letzten Mal versammelten, hätte man meinen können, das Treffen stünde für Wladimir Putin unter dem Motto Herr der Ringe. Den belarusischen, armenischen, aserbaidschanischen, kasachischen, usbekischen, tadschikischen und turkmenischen Präsidenten überreichte er jeweils einen weißen und einen goldenen Ring. Darin eingraviert war zu lesen „Frohes Neues 2023“ und „Russland“.

Wer denkt da nicht an Tolkiens Saga um Mittelerde, in der Sauron den Menschen neun Ringe schenkt, um sie sich unterwürfig zu machen? Doch bevor der Kreml sich seine Nachbarn zu Sklaven nimmt, will er sich ihre Unterstützung zusichern lassen. Diese benötigt er seit Beginn des Krieges umso dringlicher, um sich international nicht bald völlig isoliert wiederzufinden.

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Putin reiste im Jahre 2022 mindestens ein Mal persönlich in jede zentralasiatische Republik, sei es anlässlich bilateraler Treffen oder eines Gipfels. Das ist öfter als in den letzten zehn Jahren. Dieser Umstand spricht Bände über sein Bestreben, die Beziehungen mit seinen Nachbarstaaten wiederaufleben zu lassen. Diese Länder, die den Ukraine-Krieg nicht direkt unterstützen, könnten einen beinah Glauben machen, sie hätten sich von der russischen Einflusssphäre gelöst.

Zentralasien – Russlands Re-Exporteur
„Zentralasien konnte die UNO nur kurzfristig unterstützen“, behauptete Wissenschaftler Temur Umarov in seinem im Dezember 2022 erschienenen Artikel. Durch die Nichteinhaltung der vom Westen verhängten Sanktionen nutzte man Russland zunächst mehr als erwartet. Durch den steigenden Handel mit Russland, ermöglichten die Republiken ihrem Nachbarn, die westlichen Sanktionen zu umgehen. Man konstatierte eine Wiederausfuhr sanktionierter Güter, erklärt Radio Azattyk, der kirgisische Dienst von Radio Free Europe. Meist gelangen die betroffenen Waren von Europa oder China über Zentralasien nach Russland.

Auf diese Weise entwickelte sich Kasachstan für Russland seit 2022 zum Großexporteur auf dem Elektromarkt. Dies ist den Daten des Instituts für Wirtschaftsforschung Astana zu entnehmen.

Usbekistan verzeichnete derweil einen Exportzuwachs von 45,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, ganz besonders durch Handys, Fernseher und Mikroprozessor. Kirgistans Handelsvolumen mit Russland lag zwischen Januar und August 2021 bei 1,4 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro), 2022 übertraf man im gleichen Zeitraum die zwei Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro). Dabei handelt es sich vorrangig um Fernrohre, Parfums und Zahnstocher.

Der russische Einfluss ebbt nicht ab
Doch auch über die Wirtschaft hinaus schwappen die autoritären Merkmale des russischen Regimes nach Zentralasien herüber. Kirgistan, sonst für seine nimmermüde Zivilgesellschaft bekannt, macht mit der Unterdrückung ziviler Freiheitsbestrebungen Schlagzeilen. Dabei handelt es sich unter anderem um die Verabschiedung eines Gesetzes zu Fake-News und eines zu NGOs. Beide weisen starke Ähnlichkeiten zu ihren russischen Pendants auf (siehe Ausländische-Agenten-Gesetz)

Die staatlichen Institutionen Turkmenistans sowie Schulen und Unternehmen bekennen sich offen zu ihrer pro-russischen Haltung und anti-westlicher Propaganda, wie aus einer Reportage des turkmenischen Dienstes von Radio Free Europe hervorgeht.

Die Soft-Power hält sich
Trotz alledem wächst die Entfernung zwischen dem Kreml und seinen Nachbarn. Zwar bleiben weiterhin gewisse stille Einverständnisse unverändert, so wie als Qasym-Jomart Toqaevs erste Auslandreise nach seiner Wiederwahl nach Russland führte. Dennoch befindet sich die zentralasiatische Zivilgesellschaft in einem Umbruch.

Der Ukraine-Krieg ist hier nicht unbedeutend. „Nach Russlands Überfall begannen sich immer mehr zentralasiatische Forscher mit den Hungersnöten in Kirgistan und Kasachstan zu Zeiten der Sowjetunion zu beschäftigen“, erklärt das Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR). Auch das Wiedererstarken der Landessprachen, die das Russische immer mehr ersetzen, zeugt von einem sich dem Ende neigenden kulturellen Einfluss Russlands in dieser Region.

Bürger organisierten Anti-Kriegsdemonstrationen in Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan. Gleichzeitig rückt man in der humanitären Hilfe für die Ukrainer immer enger zusammen. In Kasachstan wird das russische Vorgehen öffentlich so stark angeprangert, dass bereits Konzerte russische Sänger, die den Krieg offen unterstützen, abgesagt wurden, zeigt das Central Asia Barometer.

Pragmatismus
Es ist unmöglich, sich ich im Laufe eines Jahres vollständig aus einer wirtschaftlichen Abhängigkeit zu loszureißen. Beispielsweise wird 80 Prozent des kasachstanischen Gases mit der Caspian Pipeline Consortium durch Russland exportiert. Das Land hatte im vergangen Jahr häufig mit technischen Problemen zu kämpfen, die durch Wartungsarbeiten auf russischer Seite entstanden waren, berichtet die Presseagentur Reuters.

Auch die Zahl der zentralasiatischen Migranten bleibt in Russland hoch und ist seit 2021 um ein Drittel gewachsen, so die russische Presseagentur Finexpertiza. Laut der Weltbank nahmen die Überweisungen der Tadschiken und Kirgisen von Russland in ihr Herkunftsland im Jahre 2021 um 34 und 33 BIP-Punkte zu.

Laut Temur Umarov käme als Gegenmittel aus geopolitischer Sicht für die zentralasiatischen Staaten eine Politik infrage, die ihre Ziele in verschiedene Richtungen ausrichtet. Diese Tendenz ist bereits im Bereich des Exports mit Europa, der Türkei und China zu beobachten. Zentralasien fördert hier besonders den Ausbau von Handelsrouten und entfernt sich auf diese Weise immer weiter von Russland.

Emma Collet, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Arthur Siavash Klischat

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