Kirgistan: Kann das Kambarata-Projekt die Energieprobleme lösen?

ENTSCHLÜSSELUNG. Das seit 1986 geplante Projekt des Kambarata-Wasserkraftwerks war für lange Zeit ins Stocken geraten. Nun aber könnte es wieder in Angriff genommen werden. Im Januar 2023 bekräftigten die Präsidenten Kasachstans und Usbekistans ihr Interesse, ein Partner beim Bau des kirgisischen Kraftwerks zu sein. Kann Kambarata die Lösung für die ständigen Stromprobleme im Winter sein?

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[legend] Wikimedia Commons

Es ist der Beginn eines Großprojekts für Kirgistan. Am 6. Januar wurde zwischen den Energieministern Usbekistans, Kasachstans und Kirgistans eine Roadmap für den Bau des Kambarata-Wasserkraftwerks unterzeichnet, berichtet das kirgisische Nachrichtenportal 24.kg.

Die Roadmap, das erste unterzeichnete Dokument seit Jahrzehnten, betrifft Kambarata-1 und bringt damit das 1986 begonnene Projekt im kirgisischen Gebiet Dschalalabad wieder auf den Weg. Die ursprüngliche Projektierung sah einen Komplex aus drei Kraftwerkstufen vor. Nach mehreren Verzögerungen soll der Bau nun 2024 beginnen. Das Kraftwerk soll ab 2028 in Betrieb gehen, so Radio Azattyk, der kirgisische Dienst von Radio Free Europe.

Es ist das größte Energieprojekt Kirgistans seit dem Ende der UdSSR. Kambarata wird voraussichtlich eine Leistung von 1.860 Megawatt erreichen, das ist anderthalb Mal so viel wie das Kraftwerk Toktogul, das eine Leistung von 1.200 Megawatt hat und 40 Prozent des Stroms im Land produziert. Laut 24.kg wird Kambarata-1 bei einem vollen Reservoir-Volumen von 5,4 Milliarden Kubikmeter Wasser durchschnittlich 5,6 Milliarden Kilowattstunden erzeugen.

Ein lange ins Stocken geratenes Projekt
Die Bauarbeiten auf dem Gelände begannen 1986, wurden jedoch laut The Diplomat 1991 eingestellt, als die Sowjetunion zusammenbrach. Russland spielte eine wichtige Rolle beim Bau dieses Projekts und finanzierte massiv die gesamte Energieinfrastruktur in Zentralasien. Nach einer Phase der Entfremdung kehrte Russland zwischen 2008 und 2015 in das Projekt zurück, wobei in dieser Zeit wenig erreicht wurde. Nach Jahren der Inaktivität hat Kirgistan im Juni 2022 angekündigt, in kleinen Schritten mit den Bauplänen für die Anlage zu beginnen.

Darüber hinaus war Kambarata seit langem Gegenstand von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Staaten Zentralasiens. Gerade für Kirgistan ist der Verkauf von Wasser ein Druckmittel auf seine Nachbarn, die über Öl- und Gasvorkommen verfügen. Andererseits leiden die an den Unterläufen der Flüsse gelegenen Länder stark unter Wassermangel.

Insbesondere Usbekistan unter dem ehemaligen Präsidenten Islom Karimov sprach sich gegen den Bau eines Reservoirs aus, das 5,4 Milliarden Kubikmeter Wasser für das Kraftwerk aufnehmen konnte. Karimov machte sich Sorgen darüber, was mit dem Ackerland seines Landes passieren würde, da der den Stausee speisende Fluss Naryn weiter nach Usbekistan fließt.

2017, während des historischen Besuchs des neuen usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev in Bischkek, hatten sich beide Staaten auf den gemeinsamen Bau der Anlage geeinigt. Eine „wirklich revolutionäre“ Entscheidung, wie der Taschkenter Ökologe Georgi Temirhanov damals gegenüber dem Portal Caravanserai erklärte.

Dringlichkeit eines Großprojekts
Das Projekt ist lebenswichtig für Kirgistan, das jedes Jahr Strom aus seinen Nachbarländern importiert, um Stromausfälle zu vermeiden. Dies betrifft vor allem den Winter, wenn die Temperaturen am niedrigsten sind. Auch in diesem Jahr kündigte das Energieministerium geplante Stromausfälle in verschiedenen Landesteilen und der Hauptstadt an, berichtet 24.kg.

In diesem Jahr litten aufgrund der außergewöhnlichen Kältewelle, die ganz Zentralasien heimsuchte, alle Länder der Region unter Energiemangel. Das Kambarata-Projekt würde es Kirgistan ermöglichen, ein Exporteur und nicht länger ein Importeur von Strom zu werden. Von Präsident Sadyr Dschaparow wird es daher als „das zukünftige Flaggschiff des kirgisischen Energiesektors“ präsentiert.

Trilaterale Zusammenarbeit mit absehbaren Schwierigkeiten
Das Kambarata-Projekt ist eine eher beispiellose trilaterale Zusammenarbeit im Energiebereich in Zentralasien, die zudem ohne Russland stattfindet. Die Realisierung wirft aber viele Fragen auf. Zu Sowjetzeiten wurde Energie von der Zentralmacht zwischen den zentralasiatischen Republiken verteilt, und diese Verteilung basierte auf der Bündelung natürlicher Ressourcen. Im Sommer gaben Kirgistan und Tadschikistan Wasser an Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan und erhielten dafür im Winter Kohle, Gas und Strom. Dieses System brach bei der Unabhängigkeit zusammen, die neuen Republiken stimmten nicht zu.

Die trilaterale Zusammenarbeit gibt daher neue Hoffnung, eines Tages die Energieunabhängigkeit der Region zu erreichen, aber es wurde noch kein konkreter Investitionsplan angekündigt. Auf kirgisischer Seite sollen 1,5 Milliarden Som (16 Millionen Euro) bereitgestellt werden, ohne dass jedoch klar ist, welche Unternehmen sich beteiligen werden. Was die Partnerländer betrifft, so wurden weder bei Mirziyoyevs jüngsten Staatsbesuch in Bischkek noch vom Präsidenten des kasachstanischen Senats Zahlen genannt, berichtet die kirgisische Nachrichtenagentur Kabar.

Obwohl der Bau des Werks für Kirgistan dringend erforderlich ist, werfen auch die anvisierten Vorteile, die das Land daraus ziehen will, Fragen auf. Energieminister Mirlan Dschakypow gab bekannt, dass Kirgistan nur 34 Prozent der Anteile an der Anlage besitzen wird, während Kasachstan und Usbekistan jeweils 33 Prozent besitzen werden. Dies stellt die Energieunabhängigkeit des Landes weiterhin in Frage.

Emma Collet, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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