ERC Consolidator Grants für Wissenschafter*innen der Universität Wien

Forscher*innen der Historisch- und der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät sowie der Fakultät für Lebenswissenschaften ausgezeichnet - Weiterer ERC Proof of Concept für Fakultät für Chemie

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Anjanette Webb Markus Muttenthaler erforscht Anwendungsmöglichkeiten für Oxytocin

Die Zentralasienwissenschafterin Jeanine Dagyeli, die Kunsthistorikerin Noémie Etienne, der Biophysiker Julien Orts und die Paläogenetikerin Verena Schünemann erhalten je einen ERC Consolidator Grant. Die Förderung ist mit rund zwei bzw. drei Millionen Euro dotiert. Darüber hinaus bekam der Medizinchemiker Markus Muttenthaler einen ERC Proof of Concept zugesprochen. Mit den Programmen des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) soll grundlagenorientierte Pionierforschung mit hohem Innovationspotenzial ermöglicht und vorangetrieben werden.

D. Bengoa
Noémie Etienne

„Der neuerliche Erfolg der Universität Wien bei der Einwerbung von ERC Consolidator Grants macht unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich“, so Rektor Sebastian Schütze: „Ich gratuliere allen Preisträger*innen herzlich zu diesem besonders prestigeträchtigen Grant“.

Die Forschungsprojekte und Wissenschafter*innen im Überblick:

Industriearbeit und Umweltschutz in Bergbaugebieten Zentralasiens

Im 20. Jahrhunderts wurde aus dem vorwiegend ländlich geprägten sowjetischen Zentralasien eine Schwerpunktregion der Industrialisierung. Industriestädte wie das kasachische Karaganda oder das usbekische Angren wurden zu Aushängeschildern von Modernität und Fortschritt. Als in den 1990er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion Industrien und Infrastrukturen zusammenbrachen, erlebten Bergbau- und Industriezentren eine schwere Krise. Gleichzeitig wurde es möglich, öffentlich über die enorme Umweltzerstörung in der Region zu sprechen, deren Auswirkungen bis heute sichtbar sind, zum Beispiel am bereits fast ausgetrockneten Aralsee. Der Wandel hin zu nachhaltigeren Energie- und Wirtschaftsformen wird zunehmend auch in Zentralasien ein Thema, allerdings vorwiegend unter Nichteinbeziehung der betroffenen Bevölkerungsgruppen.

In dem Projekt „Anthropogenic Environments in the Future Tense: Loss, Change and Hope in Post-Soviet Industrial Landscapes“ wird Jeanine Dagyeli untersuchen, wie Menschen vor Ort selbst mit dem Wandel umgehen, welche Vorstellungen sie von ihrer Zukunft zwischen Industriearbeit und alternativen Einkommensmöglichkeiten sehen, und welche emotionalen, teils auch widersprüchlichen, Erinnerungen mit Landschaft, Arbeit und Lebensentwürfen in diesen Regionen verbunden sind.

Über Jeanine Dagyeli

Jeanine Dagyeli ist Zentralasienwissenschafterin und seit Oktober 2021 Assistenzprofessorin am Institut für Orientalistik der Universität Wien sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Arbeit, Mensch-Umwelt-Beziehungen, materielle Kultur sowie populäre Literaturgenres Zentralasiens. Nach dem Studium der Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie der Zentralasien- und Islamwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin wurde sie dort 2011 promoviert. Zwischen 2014 und 2017 leitete sie das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt „The Central Asian Crafts‘ risāla: Edition, Audiovisual Documentation and Commentary.“ Weitere Forschungs- und Arbeitsstationen waren unter anderem das Zentrum für Interdisziplinäre Regionalstudien der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg (2005-2008), das Al-Biruni Institut für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften der Republik Usbekistan (2009-2011), das Leibniz-Zentrum Moderner Orient, Berlin (2014-2018) und die Nazarbayev University, Kasachstan (2019-2021).

Globale Konservierungsgeschichte von (im)materieller Kultur im Fokus

Museen und Sammlungen sehen sich zunehmend neuen Anforderungen gegenüber: Forderungen, Kunstwerke wieder an ihre Ursprungsländer zurückzugeben, gehören genauso dazu wie Fragen zur angebrachten Ausstellung von Sammlungen. Konservierungspraktiken verändern sich dahingehend, dass Expert*innen und Stakeholder*innen gemeinsam die geeignetsten Methoden zur Bewahrung der (im)materiellen Kultur auswählen. Darüber hinaus haben Naturschutz und Nachhaltigkeit Eingang in die Konservierung gefunden. Obwohl viele Museen Artefakte unterschiedlichster Herkunft ausstellen und sich tagtäglich mit komplexen Konservierungspraktiken auseinandersetzen, gibt es dennoch keine umfassenden Ressourcen zum Konservierungsvermächtnis, auch von indigenen Zugängen weltweit, sowie dem Konnex zwischen Konservierung und (Neo-)Kolonialismus.

Das Projekt „Global Conservation: Histories and Theories (GloCo)“ befasst sich mit den fehlenden Geschichten und Theorien der Konservierung von (im)materieller Kultur vom 16. bis zum 21. Jahrhundert auf globaler Ebene. Konservierung wird als eine Reihe von kulturellen und technologischen Praktiken verstanden, die der Erhaltung und Zugänglichkeit von Kunst und (im)materieller Kultur dienen. Ziel ist, einen Ausgleich zu den Narrativen der westlichen Vorherrschaft in diesem Bereich zu schaffen und inklusivere und korrektere Geschichten zu schreiben. Die Forscher*innen berücksichtigen Möglichkeiten der Pflege von Objekten und Sammlungen innerhalb und außerhalb von Museen, heben historisches und theoretisches Wissen aus und hinterfragen die Dichotomie zwischen Anwendung und Ansicht. Sie untersuchen, wie Kolonialismus Praktiken und Diskurse der Pflege und Bewahrung beeinflusst.

Über Noémie Etienne

Noémie Etienne ist Professorin für Cultural Heritage am Fakultätszentrum für transdisziplinäre historisch-kulturwissenschaftliche Studien der Universität Wien. Zuvor war sie SNF-Professorin an der Universität Bern, ein Research Institute Postdoctoral Fellow und ein Andrew W. Mellon Postdoctoral Fellow an der New York University. Ihr Buch „The Restoration of Paintings: Practices, Discourses, Materiality“ hatte die Geschichte der Restauration von Gemälden zum Thema. Es erschien 2012 auf Französisch, 2017 auf Englisch. In ihrer Monografie „The Art of the Anthropological Diorama“ beschäftigt sie sich mit der Dar- und Ausstellung von indigenen Gemeinschaften in New York rund um 1900. Zum Thema des bewilligten Projekts veröffentlichte sie kürzlich den Artikel „Who cares? Museum conservation between colonial violence and symbolic repair“ (Museum and Social Issues, 2022).

Ein Kalorimeter mit atomarer Auflösung zur Messung molekularer Wechselwirkungen

Molekulare Wechselwirkungen sind die Grundlage aller biologischen Prozesse und umfassen häufig spezifische Wechselwirkungen zwischen Makromolekülen (Proteinen, RNA, DNA) und niedermolekularen Liganden wie Kofaktoren, Hormonen, Arzneimitteln oder Metaboliten. Ein detailliertes und quantitatives Wissen über diese Wechselwirkungen ist entscheidend für das molekulare Verständnis dieser biologischen Prozesse und die Entwicklung neuer therapeutischer Lösungen.

Der physikalisch-chemische Rahmen für die Untersuchung molekularer Wechselwirkungen ist die Thermodynamik. Das Ausmaß der Wechselwirkung zwischen zwei Molekülen wird durch die Gibbs-Energieänderung der Wechselwirkungen bestimmt, die sich aus enthalpischen und entropischen Termen zusammensetzt. Röntgenkristallographische und NMR-Strukturen liefern eine detaillierte Beschreibung der statischen Wechselwirkungen, die mit enthalpischen Beiträgen verbunden sind. Bislang sind die entropischen Komponenten jedoch experimentell nur schwer zu erfassen.

Das übergeordnete Ziel des ERC-Projekts „CLAR“ ist die Entwicklung eines Kalorimeters mit atomarer Auflösung, das ein neues Licht auf molekulare Wechselwirkungen werfen wird. Das Forschungsteam erwartet, dass quantitative thermodynamische Messungen innerhalb von Molekülen und Molekülkomplexen einen neuen Weg zum grundlegenden Verständnis dessen eröffnen, wie atomistische Mechanismen eine Funktion erzeugen. Über die grundlegenden Erkenntnisse hinaus könnten Anwendungen in der translationalen Medizin, der Arzneimittelentwicklung und dem computergestützten Moleküldesign folgen.

Über Julien Orts

Julien Orts studierte Physik und Biophysik und schloss 2010 sein Studium am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie und am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie ab. Julien Orts trat dem BioNMR-Labor der ETH Zürich bei, zunächst als Post-Doc und dann als Nachwuchsgruppenleiter. Seit 2021 ist er Assistenzprofessor an der Universität Wien am Institut für Pharmazeutische Chemie. Sein Labor konzentriert sich auf die Entdeckung von Medikamenten durch fortschrittliche NMR-Methoden, einschließlich integrierter Methoden zur schnellen Bestimmung der Struktur von Protein-Ligand-Komplexen, NMR-basiertem Wirkstoffdesign, Protein-Allosterie und Thermodynamik von Protein-Protein- und Protein-Ligand-Wechselwirkungen.

Erforschung von Nagetierreservoiren für Pest und Lepra

Infolge der COVID-19-Pandemie erlangte das zoonotische Potenzial von Infektionskrankheiten globale mediale Aufmerksamkeit. Auch Krankheiten, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleiten, aber aus der unmittelbaren Wahrnehmung der modernen Gesellschaft verschwunden sind, verbreiten sich wieder verstärkt. Dies erfordert neue Perspektiven und wissenschaftliche Herangehensweisen, um die Erreger zu charakterisieren, ihre Verbreitung und Entwicklung vorherzusagen und ihre Eindämmung zu ermöglichen. Ein Schlüsselelement in der Evolution und dem Überleben von Zoonose-Erregern sind Tierreservoirs. Diese können komplex sein, sind aber ein kritischer Aspekt im Verständnis von Krankheiten, der bislang nicht im Fokus der meisten Studien zu Krankheiten in der Vergangenheit stand.

In ihrem ERC Consolidator-Projekt „RESERVOIR“ werden Verena Schünemann und ihr Team die Übertragung von Krankheitserregern zwischen Menschen und Tieren in der Vergangenheit mit einem neuen interdisziplinären Ansatz verfolgen. Dabei werden sie sich auf Nagetierreservoirs und ihre Verbindungen zu Pest und Lepra konzentrieren, zwei Krankheiten, die die menschliche Gesellschaft über Jahrhunderte bedroht haben. Insgesamt zielt das Projekt darauf ab, unser Verständnis der Mechanismen vergangener Epidemien und der Entwicklung wiederauftretender Zoonosen zu verbessern. Dies ermöglicht es, das Gesundheitssystem bei der Prävention und Kontrolle neuer und gegenwärtiger Krankheiten zu unterstützen.

Über Verena Schünemann

Verena Schünemann ist seit 2022 Assistenzprofessorin für Gen-Kultur Evolution am Departement für Evolutionäre Anthropologie an der Universität Wien. Nach einem Studium der Biochemie an der Universität Tübingen promovierte Verena Schünemann 2010 in Biochemie am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie und 2014 in Naturwissenschaftlicher Archäologie an der Universität Tübingen. Weitere Stationen ihrer Karriere waren 2014 eine Postdoktorandenstelle und von 2015 bis 2017 eine Gruppenleiterstelle an der Universität Tübingen, sowie ab 2017 eine Assistenzprofessur für Paläogenetik an der Universität Zürich. Verena Schünemann ist eine Pionierin im Feld der Genomik alter Krankheitserreger und beschäftigt sich mit der Evolutionsgeschichte von Krankheitserregern und Interaktionen von Krankheitserregern mit ihren Wirtsorganismen in der Vergangenheit.

ERC Proof of Concept für Markus Muttenthaler

Der Medizinchemiker Markus Muttenthaler erhält seinen zweiten ERC Proof of Concept Grant. In seinem neuen ERC-Projekt „GUTOCINS“ überprüft er das therapeutische Potenzial von oralem Oxytocin bei Bauchschmerzen. Chronische Bauchschmerzen sind ein weit verbreiteter Zustand, der häufig mit Magen-Darm-Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom (IBS) und entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) in Verbindung gebracht wird.

In diesem Projekt werden die Forscher*innen eine neue Klasse darmstabiler Peptid-Analgetika entwickeln, um Bauchschmerzen an ihrem Ursprung im Darm zu bekämpfen. Dies stellt aufgrund seiner darmspezifischen Wirkung und des vernachlässigbaren Risikos systemischer Off-Target-Effekte eine hochinnovative Behandlungsstrategie mit einem großen Sicherheitsfenster dar.

Über Markus Muttenthaler

Markus Muttenthaler, geboren 1978 in Steyr (Österreich), studierte Technische Chemie an der TU Wien (1998-2004) und erhielt seinen Doktor (PhD) in Biologischer und Medizinischer Chemie 2009 an der University of Queensland in Brisbane, Australien. Danach absolvierte er drei Postdoc-Aufenthalte an international renommierten Forschungsinstituten: dem Institute for Molecular Bioscience, Brisbane (Australien), dem Scripps Research Institute, La Jolla (USA) und dem Institute for Research in Biomedicine, Barcelona (Spanien). 2017 erhielt er einen ERC Starting Grant und baute sein eigenes Forschungslabor am Institut für Biologische Chemie der Universität Wien auf. Muttenthaler ist seit 2018 assoziierter Professor an der Universität Wien.

Weitere Informationen:

Uni Wien ERC Grants

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Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Media Relations Managerin, Universität Wien
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