„Verlässt der Satellit die Umweltbahn?“ – Kasachstan schließt Handelsvertretung in Russland

Wie in einem nicht veröffentlichten Erlass des kasachischen Präsidenten Kassym-Jomart Tokajew vom 24. Januar angekündigt hat die Regierung Kasachstans letzte Woche die Schließung ihrer Handelsvertretung in Russland beschlossen.

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Russland und Kasachstan hatten im Oktober 1992 ein Abkommen über die Einrichtung von Vertretungen unterzeichnet. Das Dokument wurde 2012 ratifiziert. Kasachstan eröffnete 2009 eine Handelsvertretung in Russland. Sie befindet sich in Moskau und es gibt auch eine Vertretung in Kasan. Sie unterstützte kasachische Exporteure und Händler beim Eintritt in den russischen Markt und bei der Gewinnung ausländischer Investitionen in Kasachstan.

Tags darauf sagte der kasachische Außenminister Mukhtar Tleuberdi bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Außenminister Anthony Blinken, dass Kasachstan versuche, jede Möglichkeit der Umgehung der Sanktionen durch russische Unternehmen zu vermeiden. Er betonte, dass es in Kasachstan keine Unternehmen oder Sektoren gebe, die von den sekundären US-Sanktionen betroffen seien.

Dennoch sei die Situation für Kasachstan schwierig, da die Wirtschaft der Republik mit der russischen verflochten sei.Kasachstan – die größte und reichste ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien – sei Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, der OVKS und der GUS sowie anderer Staaten, die an Russland grenzen oder in der Region liegen. „Wir betrachten unsere Beziehungen zu Russland als eine Allianz, die innerhalb dieser multilateralen Strukturen funktioniert“, so Tleuberdi. Er verneinte die Frage eines amerikanischen Journalisten, ob sich Kasachstan von Russland bedroht fühle.

Sein Land werde weiterhin eine Multivektor-Außenpolitik für eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit mit allen Ländern der Welt verfolgen. Präsident Tokajew hatte im Sommer 2022 die Regierung angewiesen, günstige Bedingungen für die Verlagerung ausländischer Unternehmen nach Kasachstan vorzubereiten, die ihre Tätigkeit in Russland eingestellt haben. Bei seinem Treffen mit US-Außenminister Blinken in Astana sagte er, Kasachstan beabsichtige, eine strategische Zusammenarbeit mit den USA und dem Westen zu entwickeln.

Unmittelbar nach dem Besuch aus den USA erlaubte die Regierung in Astana dem zu Rosatom gehörenden und größten ausländischen Uranproduzenten in Kasachstan, Uranium One, weitere Joint Ventures mit Kasatomprom. Kasachstan produziert etwa 40 Prozent der weltweiten Uranproduktion. Im Jahr 2022 betrug das Volumen der Uranproduktion 21.300 Tonnen. Die gesamten erkundeten Reserven Kasachstans werden auf mehr als 700.000 Tonnen Uran geschätzt.

Seitdem Tokajew im vergangenen September in Turkmenistan die territoriale Integrität als ein Schlüsselprinzip in internationalen Angelegenheiten bezeichnet hatte und weder die Annexion der Krim noch weiteren Annexionen anerkennt, tauchen Fragen auf, ob Kasachstan „auf Distanz zu Russland“ geht, ob „die Beziehungen abflachen“ oder ob„der Satellit die Umlaufbahn verlässt“. Die gemeinsame Grenze zwischen den beiden früheren Sowjetrepubliken ist rund 7.600 Kilometer lang und damit eine der längsten Landesgrenzen weltweit.

„Es ist eine schwierige Beziehung. Was einst Familie war, wirkt jetzt weit weg, was einst Unterstützung war, ist jetzt ein Spiel mit der Angst. Russland und Kasachstan – die Stimmung wird kühler“, schreibt Watson. Einschätzungen wie „Wir könnten die nächsten sein“ schüren in Kasachstan die wachsende Angst vor Russland. Der „große Bruder“, der sich momentan „die Zähne an der Ukraine ausbeiße“, „fahre die Krallen aus“, fürchtet sich manch einer im zentralasiatische Steppenland.

Hört man die verbalen Drohungen des einflussreichen russischen Propagandisten Wladimir Solowjow und seiner Kollegen in den Talkshows in Richtung Kasachstan zu, erscheinen die kasachischen Sorgen nicht unbegründet. Kasachstan ist das nächste Problem“, denn dort könnten die gleichen „Nazi-Prozesse“ entstehen wie in der Ukraine, so manch einer der Talkshow-Gäste. Entsprechend kritisch wurde in Russland die Entscheidung bewertet, das kasachische Alphabet von kyrillischen auf lateinische Buchstaben umzustellen.

Das Abdriften Zentralasiens in Allianzen mit alternativen russischen Machtzentren beschleunigt sich, und es ist keineswegs sicher, dass der Kreml in der Lage sein wird, es zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen, schreibt das russische Portal Republic.

„Es gibt Probleme innerhalb der Union. Kasachstan hat begonnen, sowohl seine Teilnahme an der EAWU als auch seine Arbeit für ein größeres Eurasien zu verlangsamen. Das ist ein sehr beunruhigendes Signal“, sagte Ende Oktober ein hoher Diplomat aus dem russischen Außenministerium. Er sprach vom nachlassenden Enthusiasmus Kasachstans „für die von Moskau geführten Projekte der postsowjetischen Wirtschaftsunion“ und Russland sollte versuchen, Kasachstan „zurück in den Mainstream“ zu bringen und herausfinden, was es dafür braucht.

Ob das gelingen wird, bleibt offen. „Der Kurs zur Integration Zentralasiens mit Europa, die versprochene türkische Militärpatronage und chinesische Garantien der Souveränität und Integrität Kasachstans sind in der Lage, die gesamte geopolitische Konfiguration in Zentralasien neu zu gestalten“, urteilt der russische Journalist Wassilij Gontscharow.

Kasachstan gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt. Es besitzt die weltweit größten Chrom- und die zweitgrößten Uranreserven, belegt Platz zwölf der Länder mit den größten Ölreserven und Platz fünfzehn bei den größten Gasreserven. Allein das Ölfeld Kaschagan gilt als das weltweit größte Ölvorkommen, das in den vergangenen 30 Jahren entdeckt wurde, die geschätzte Kapazität liegt bei 18 Milliarden Barrel Öl. Hinzu kommen größere Vorkommen an Gold, Zink, Eisenerz und Kupfer.

Im Süden Kasachstans befindet sich mit dem Kosmodrom Baikonur der größte Raketenstartplatz der Welt. 1959 schoss die Sowjetunion von hier aus den ersten Satelliten, Sputnik-1, in den Orbit. Zwei Jahre später trat der russische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch seine Reise ins All an. Seit 1994 hat Russland das Gelände gepachtet, der Vertrag wurde im vergangenen Jahr bis 2050 verlängert und kostet Moskau jährlich mehr als umgerechnet 100 Millionen Euro.

Kasachstan ist siebeneinhalb Mal so groß wie Deutschland. Ein Drittel des Landes besteht aus Steppe, mehr als die Hälfte aus Wüsten und Halbwüsten. Ursprünglich bevölkert von Viehzüchter und Nomaden, die Wandertierhaltung betrieben. Es sei daran erinnert, dass, mit einem Das kontinentale Klima schwankt zwischen plus 50 Grad im Sommer und minus 50 Grad im Winter. Derzeit leben in Kasachstan rund 19 Millionen Menschen. Mit 66 Prozent stellen die Ka­sa­chen die bedeutendste der insgesamt etwa 130 ethnischen Gruppen. Größte Minderheit sind mit knapp 19 Prozent Russen, die in den nördlichen Provinzen Kasachstans leben. 13 Prozent stellen Ukrainer, Usbeken, Deutsche und Tataren.

Zum besseren Verständnis der bilateralen Beziehungen zwischen Moskau und Astana sollen abschließend zwei historische Vermächtnisse erwähnt werden: Im letzten Jahr erinnerte Kasachstan, ebenso wie die Ukraine, an den 90. Jahrestag der großen Hungersnot von 1932 und 1933 – an den Ascharschylyk, in der Ukraine Holodomor genannt. Die Folgen von Stalins Dekulakisierung und Konfiszierungspolitik führten in Kasachstan zum Tod von mindestens eineinhalb Millionen Menschen, einem Viertel der damaligen kasachischen Bevölkerung. Und weiterhinbelastet das unübersehbare Erbe aus Sowjetzeiten in Form des Nukleartestgeländes Poligon bei Semipalatinsk, dem heutigen Semej, das historische Gedächtnis. Mehr als vierhundert Atomexplosionen, in Stollen, zu Lande, in der Luft, zerstörten in vier Jahrzehnten eine Landschaft von der Größe Belgiens.

[hrsg/russland.NEWS]

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